Der erste moderne Impfstoff

Am 14. Mai 1796 infizierte der englische Arzt und Wissenschaftler Edward Jenner den achtjährigen James Phipps mit Kuhpocken und entwickelte damit die erste moderne Schutzimpfung.

Geschichte einer Geißel

Die Pocken traten vermutlich erstmals während der Neolithischen Revolution um 10000 v. Chr. in menschlichen Siedlungen auf aber die Details um die Herkunft und Entstehung des Virus sind rein spekulativ. Die gefährlichere Variante der Pocken, Variola major oder auch Echte Pocken, ausgelöst vom Virus Orthopoxvirus variola erreichte Fallsterblichkeitsraten von bis zu 90%. Die hohe Letalität und Infektiösität der Erkrankung sowie die häufig schweren Spätfolgen bei den Überlebenden machten Pocken zu einer der gefürchtetsten Infektionskrankheiten der Menschheitsgeschichte. Die Krankheit wird bereits in über 3000 Jahre alten antiken Texten aus Indien und China beschrieben und die charakteristischen Hautpusteln und Narben lassen sich bereits auf altägyptischen Mumien finden. Im frühen 16. Jahrhundert erhielten die spanischen Konquistadoren bei ihrer Eroberung der Reiche der Azteken, Maya und Inka unwissentliche Unterstützung durch die Pocken: Nachdem die Pocken durch die Europäer in Amerika eingeschleppt wurden, rafften sie innerhalb weniger Jahrzehnte zwischen 30 und 95% der indigenen Bevölkerung dahin. Im Europa des 18. Jahrhunderts töteten die Pocken etwa 400000 Menschen jährlich und die Anzahl der weltweiten Pockentoten im 20. Jahrhundert wird trotz der Ausrottungsbemühungen auf 300-500 Millionen geschätzt.

Variolation, der gefährliche Vorläufer der Schutzimpfung

Es ist daher nicht überraschend, dass bereits in der Antike Ärzte, Quacksalber und Kräuterfrauen „Heilungen“ und „Behandlungen“ für die Pocken feilboten. Die meisten davon wirken für uns heute lächerlich und zum Teil gefährlich aber manche Methoden waren tatsächlich sinnvoll. Bereits 430 v. Chr. war allgemein bekannt, dass Pockenüberlebende vor erneuter Infektion geschützt waren und so wurden sie besonders häufig in der Pflege von Erkrankten eingesetzt. Im 10. Jahrhundert waren es die Chinesen, die die erste effektive Präventionsmethode für Pocken erfanden. Getrockneter und pulverisierter Schorf von Pockenpusteln wurde hierbei in die Nase von Kindern geblasen, was in einer relativ milden Pockenerkrankung und darauf folgender Immunität resultierte. Ähnliche Methoden dieser sogenannten Variolation existierten auch im Sudan und in Indien aber die wohl erfolgreichste Variante fand ihren Ursprung bei den tscherkessischen Stämmen im Kaukasus. Flüssigkeit aus den Pockenbläschen wird hierfür mit einer Lanzette in kleine Kratzer oder Schnitte eingebracht. Diese Methode war ab 1670 am Hof des osmanischen Sultans in Konstantinopel verbreitet und fand von hier ihren Weg nach Europa und Amerika. Variolation war eine sehr erfolgreiche und anerkannte Behandlung, war sie doch die einzige wirklich effektive Prävention gegen die Pocken. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts aber wurden nach und nach ihre vielen Nachteile erkannt. Anders als allgemein vermutet, resultierte Variolation oftmals nicht in einem dauerhaften Impfschutz und zudem war die Prozedur mit substantiellen Risiken verbunden. Zusätzlich zu der für einen Impfstoff heutzutage vollkommen inakzeptablen Fallsterblichkeit von 2-3%, führte Variolation zu einen hohen Anzahl kollateraler Pockenfälle.

Die erste Schutzimpfung

In den späten 1760ern begann daher die intensive Suche nach Alternativen zur Variolation. Einer der beteiligten Forscher war der englische Arzt und Biologe Edward Jenner. Jenner hatte bereits während seiner Ausbildung gehört, dass Melkerinnen nach einer Erkrankung mit den ungefährlichen Kuhpocken dauerhaft vor den echten Pocken geschützt waren. Er und eine Reihe anderer Persönlichkeiten, darunter John Fewster, Peter Plett und Benjamin Jesty, schlossen daraus, dass sich diese Immunität auch durch absichtliche Infektion mit Kuhpocken auslösen ließe. Am 14. Mai 1796 testete Jenner diese Hypothese, indem er den achtjährigen Jungen James Phipps mit Eiter aus den Kuhpockenbläschen der Melkerin Sarah Nelms impfte. Phipps entwickelte in der Folge die typischen Symptome der Kuhpocken: leichtes Fieber, Pustelbildung und Appetitlosigkeit. Er erholte sich allerdings innerhalb von 2 Wochen und Anfang Juli prüfte Jenner den Erfolg seines Experiments, indem er Phipps mit Pocken inokulierte. Der Junge blieb gesund und Jenner sah darin seine Hypothese bestätigt und begann mit weiteren Versuchen. Anders als vielfach angenommen war Edward Jenner allerdings nicht der Erste, der Kuhpocken verwendete, um Immunität gegen Pocken auszulösen. Bereits 1774, mehr als 20 Jahre vor Jenners berühmtem Experiment, impfte der Bauer Benjamin Jesty seine Frau und seine zwei ältesten Söhne mit Kuhpocken. Jesty befand es aber nie für nötig den Impfschutz zu testen oder die Methode zu bewerben, sodass ihm zu Lebzeiten die verdiente Anerkennung verwehrt blieb.

Smallpox-Vaccination-Poster

Abbildung 2. Eines der älteren Poster, mit denen in der Bevölkerung die Pocken- und Masernimpfung beworben wurde.

Die Ausrottung der Pocken

Im Jahr 1798 veröffentlichte Jenner schließlich seine Ergebnisse und die Erfolgsgeschichte der Vakzinierung nahm Fahrt auf. Bereits 1803 war die Vakzinierung in den medizinischen Kreisen Englands weitgehend akzeptiert und Jenner erhielt Förderung durch Parlament und Royal Society. Die Methode verbreitete sich daraufhin schnell in Europa und den Kolonien der europäischen Großmächte und gegen Ende des 19. Jahrhunderts bestand in fast jedem Staat Europas eine Impfpflicht, während die alte Methode der Variolation fast überall illegal geworden war. In den 1950er Jahren wurden die Pocken in der westlichen Welt bis auf vereinzelte Fälle ausgerottet und 1967 begann unter Führung der WHO ein konsequentes, weltweites Impf- und Bekämpfungsprogramm. Am 26. Oktober 1977 wurde in Somalia die letzte natürliche Pockeninfektion detektiert und am 8. Mai 1980 verkündete die WHO die vollständige Ausrottung der Pocken. Edward Jenners Vermächtnis ist eine Welt frei von einer der gefährlichsten Infektionskrankheiten der menschlichen Geschichte und seiner Arbeit wird nachgesagt, dass sie mehr Leben gerettet hat als die eines jeden anderen Menschen.

Bildnachweis

Abb 1. Dieses in Westafrika 1968 aufgenommene Foto zeigt eine Reihe Jungen, die für ihre Pocken- und Masernimpfung anstehen. Zur Impfung der Kinder nutzt der WHO Mitarbeiter eine “Ped-O-Jet®” Impfpistole, an dem Baum rechts im Bild ist ein Poster befestigt, das auf Pocken-Ausrottungs- und Masernkontroll-Programme der WHO hinweist. Quelle: CDC/ W.L. DesPrez

Abb 2. Quelle: CDC/ Stafford Smith

Lesen Sie weitere Science History Artikel